{"id":3472,"date":"2018-12-09T23:45:41","date_gmt":"2018-12-09T22:45:41","guid":{"rendered":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/?p=3472"},"modified":"2023-05-25T16:31:24","modified_gmt":"2023-05-25T14:31:24","slug":"der-lehrbub-und-das-zahnrad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/12-2018\/der-lehrbub-und-das-zahnrad\/","title":{"rendered":"Der Lehrbub und das Zahnrad"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3537 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE-150x150.jpg\" alt width=\"100\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE-150x150.jpg 150w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 100px) 100vw, 100px\"><\/p>\n<p><em>Regens\u00adburg, 4. November 1929, zehn Uhr am Morgen<\/em><\/p>\n<p>\u201eDas darf doch nicht wahr sein, dass das niemand hinkriegt!\u201c Dr. Bern\u00adhard Jansen zerkn\u00fcllte den Brief der Regens\u00adburger Schlos\u00adserei Niekisch und warf ihn in die Ecke. Das Zahnrad lag immer noch auf seinem Tisch. Ein Zahnrad mit einer Bohrung. Der junge Inge\u00adnieur aus Hannover starrte es w\u00fctend an.<br>\nDiese verflixte Bohrung! Warum konnte das niemand bauen?<\/p>\n<p>Jansen stand auf, lief zur T\u00fcr und steckte den Kopf ins Vorzimmer.<br>\n\u201eFr\u00e4u\u00adlein Egel\u00adhofer, w\u00e4ren Sie so reizend und w\u00fcrden mir einen Tee zube\u00adreiten?\u201c<br>\n\u201eSehr gerne, Herr Direktor. Ist Ihnen etwa unwohl?\u201c<br>\n\u201eAch, wissen Sie, heute Morgen kam die Absage vom Niekisch. Das ist jetzt schon die sechste. Ich mache mir Sorgen, dass wir diesen Prototyp einfach nicht bauen k\u00f6nnen. Auf dem Papier ist alles klar. Aber finden Sie hier in der Gegend mal einen f\u00e4higen Schlosser! Nun gut, ich will Sie damit nicht belasten. Kamille, mit viel Zucker, bitte.\u201c<br>\n<br>\nJansen schloss die T\u00fcr wieder und trat ans Fenster. Auf der Stra\u00dfe herrschte Hoch\u00adbe\u00adtrieb. Pfer\u00adde\u00adfuhr\u00adwerke mit Bauholz und Apfel\u00adkisten rumpelten an Jansen vorbei. Aus den Augen\u00adwin\u00adkeln sah er das Auto\u00admobil von B\u00fcrger\u00admeister Hipp um die Ecke biegen. Es war das einzige gr\u00fcne in ganz Regens\u00adburg. Dann blieb sein Blick an der Ru\u00dfwolke aus dem Schlot der Baye\u00adri\u00adschen Zucker\u00adfa\u00adbrik h\u00e4ngen, der gr\u00f6\u00dften Fabrik hier. Auch sie hungerte nach Jansens Strom.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3541\" aria-describedby=\"caption-attachment-3541\" style=\"width: 972px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3541 size-full\" src=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-01_Jansen-e1543329417702.jpg\" alt width=\"972\" height=\"931\" srcset=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-01_Jansen-e1543329417702.jpg 972w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-01_Jansen-e1543329417702-300x287.jpg 300w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-01_Jansen-e1543329417702-768x736.jpg 768w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-01_Jansen-e1543329417702-540x517.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 972px) 100vw, 972px\"><figcaption id=\"caption-attachment-3541\" class=\"wp-caption-text\">Bisher hat Direktor Bern\u00adhard Jansen von den Ober\u00adpfalz\u00adwerken nur mangel\u00adhafte Zahn\u00adr\u00e4der bekommen. Warum nur schafft es keine Schlos\u00adserei, eines ohne Bohrung zu fertigen? \u00a9&nbsp;Gernot Walter<\/figcaption><\/figure>\n<p>Jansen war tech\u00adni\u00adscher Direktor der Ober\u00adpfalz\u00adwerke, die Regens\u00adburg und das Umland mit Strom belie\u00adferten. Sein Ruf als begabter, ja sogar genialer Erfinder hatte ihm geholfen, auf diesen Vorstands\u00adposten in Bayern zu gelangen, obwohl er gerade einmal 29 Jahre alt gewesen war. Das war jetzt etwas mehr als ein Jahr her. Bei seiner Bewer\u00adbung hatte er damit beein\u00addruckt, dass er das Patent auf einen Stufen\u00adschalter hielt, der unter Voll\u00adlast Trans\u00adfor\u00adma\u00adtoren schalten konnte, ohne dabei die Strom\u00adzu\u00adfuhr zu unter\u00adbre\u00adchen. Die m\u00f6gliche L\u00f6sung f\u00fcr ein immer drin\u00adgender werdendes Problem: Wie kommt der Strom in gleich\u00adblei\u00adbender Span\u00adnung von den Kraft\u00adwerken zu den Haus\u00adhalten? Jetzt, wo immer mehr Fabriken und Betriebe mit Elek\u00adtri\u00adzit\u00e4t produ\u00adzierten, gab es auf einmal gro\u00dfe Verbrau\u00adcher, die das Strom\u00adnetz durch\u00adein\u00adan\u00adder\u00adwir\u00adbelten. Wenn sie anliefen oder abschal\u00adteten, fiel der Strom aus. Jansens Idee k\u00f6nnte das \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Aber was n\u00fctzte ihm ein Patent, wenn er den Schalter nicht gebaut kriegte? Jansen kehrte an seinen Schreib\u00adtisch zur\u00fcck, um die rest\u00adliche Korre\u00adspon\u00addenz von gestern durch\u00adzu\u00adsehen. Der Tag war tr\u00fcbe. Jansen schal\u00adtete seine Tisch\u00adlampe an.<\/p>\n<p>Alle wollen heute Strom. Und seine Aufgabe als Direktor der Ober\u00adpfalz\u00adwerke war es, ihnen zu geben, wonach sie sich sehnten.<\/p>\n<p>Eigent\u00adlich nicht nur als Direktor. Elek\u00adtri\u00adzit\u00e4t f\u00fcr alle ist die Zukunft. Davon ist der Inge\u00adnieur schon seit Jahren \u00fcber\u00adzeugt. Aber nun schien es, als ende der Weg dorthin in einer Sack\u00adgasse. Tech\u00adnisch ging es nicht weiter. Niemand war in der Lage zu sagen, wie man die Netze ausbauen konnte, ohne die Kontrolle \u00fcber sie zu verlieren. Und Jansen, der glaubte, eine Antwort zu wissen, schei\u00adterte gerade an einem d\u00e4mli\u00adchen Zahnrad.<\/p>\n<p>Seine B\u00fcrot\u00fcr ging auf. Die Egel\u00adhofer mit dem Tee, im Schlepptau sein Inge\u00adnieur Land\u00adauer. An seiner Miene konnte Jansen erkennen, dass auch er keine guten Nach\u00adrichten hatte.<\/p>\n<p>\u201eDanke, Fr\u00e4u\u00adlein Egel\u00adhofer. Mein lieber Land\u00adauer, was gibt\u2019s?\u201c<br>\n\u201eGuten Morgen, Herr Direktor. Die AEG schreibt. Hier.\u201c<\/p>\n<p>Land\u00adauer legte ihm ein ge\u00f6ff\u00adnetes Kuvert hin und blieb mit verschr\u00e4nkten Armen vor dem Schreib\u00adtisch stehen. Wollte er jetzt etwa dabei zusehen, wie Jansen den Brief las?<\/p>\n<p>Offenbar war es so. Die Allge\u00admeine Elek\u00adtri\u00adci\u00adt\u00e4ts-Gesell\u00adschaft in der Reichs\u00adhaupt\u00adstadt war Jansens wich\u00adtigster Partner. Schon vor einiger Zeit hatte er mit ihr einen lukra\u00adtiven Lizenz\u00adver\u00adtrag geschlossen. Die AEG wollte seinen Stufen\u00adschalter im gro\u00dfen Stile bauen und in ihre Trans\u00adfor\u00adma\u00adtoren stecken. Wenn das gel\u00e4nge, w\u00e4re Jansen ein gemachter Mann. Doch vorher war er verpflichtet, einen Prototyp zu liefern, der bewies, dass sein Schalter hielt, was er versprach. Jansen las.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 1.5vw;\"><em>Hoch\u00adver\u00adehr\u00adteste Herren!<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 1.5vw;\"><em>Bezug\u00adneh\u00admend auf Ihr Schreiben vom III. Oktober 1929 erlauben wir uns, Sie erneut um eine Auskunft zu bitten: Wann d\u00fcrfen wir mit der Liefe\u00adrung des Lizenz\u00admo\u00addells \u201eStufen\u00adschalter\u201c nach Reichs\u00adpa\u00adtentamt No. 467560, 474613 sowie 496564 rechnen? Sie werden verzeihen, dass wir Ihre verbind\u00adliche Zusage sobald als m\u00f6glich erwarten.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 1.5vw;\"><em>Hoch\u00adach\u00adtungs\u00advoll, Dr. Konrad Blenkle<\/em><\/p>\n<p>\u201eJetzt sitzen wir in der Tinte, Land\u00adauer. Die Berliner verlieren die Geduld.\u201c<br>\n\u201eMit Verlaub, Herr Direktor, haben wir denn schon alles versucht, was in unserer Macht steht?\u201c<br>\n\u201eWas meinen Sie denn, was ich hier die ganze Zeit hindurch tue? Zeitung lesen? Ich finde einfach keine Schlos\u00adserei, die mir dieses verma\u00adle\u00addeite Zahnrad herstellen kann, geschweige denn den ganzen Rest!\u201c Jansen sackte in sich zusammen und sch\u00fct\u00adtelte den Kopf. \u201eEs ist gera\u00addezu l\u00e4cher\u00adlich.\u201c<br>\n\u201eIch w\u00fcsste viel\u00adleicht noch jemanden: den Kare Scheu\u00adbeck aus Rein\u00adhausen, ein Freund von mir.\u201c<br>\n\u201eKare?\u201c<br>\n\u201eOskar eigent\u00adlich. Der hat mit seinem Bruder eine Schlos\u00adserei und baut alles M\u00f6gliche. Pfif\u00adfiger Bursche.\u201c<br>\n\u201eNun gut, warum auch nicht? Im schlimmsten Falle ist er halt der Siebte, der\u2019s nicht hinbe\u00adkommt. Ich geh da pers\u00f6n\u00adlich hin. K\u00fcndigen Sie mich bei Ihrem Freund an. Morgen fr\u00fch neun Uhr.\u201c<br>\n\u201eWird erle\u00addigt, Herr Direktor.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3537 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE-150x150.jpg\" alt width=\"100\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE-150x150.jpg 150w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 100px) 100vw, 100px\"><\/p>\n<p><em>Rein\u00adhausen, 5. November 1929, halb neun am Morgen<\/em><\/p>\n<p>Oskar Scheu\u00adbeck fasste sich an die Schl\u00e4fen. Dieses Kopfweh machte ihn verr\u00fcckt. Seit Tagen konnte er kaum noch schlafen. Mal schauen, was zuerst kommen w\u00fcrde, die Pleite oder eine erhol\u00adsame Nacht.<\/p>\n<p>Scheu\u00adbeck kannte sich weder mit Politik noch mit Natio\u00adnal\u00ad\u00f6ko\u00adnomie beson\u00adders gut aus, aber auch er begriff, dass sich vor ein paar Tagen etwas Entschei\u00addendes ereignet hatte: An der B\u00f6rse von Neuyork hatte es gekracht. Unter normalen Umst\u00e4nden konnte ihm das ja gleich\u00adg\u00fcltig sein, aber die Umst\u00e4nde waren hier schon lange nicht mehr normal. Beinahe j\u00e4hr\u00adlich wech\u00adselte die Regie\u00adrung in Berlin, st\u00e4ndig gab es Streit wegen der Repa\u00adra\u00adti\u00adons\u00adzah\u00adlungen an die Sieger des gro\u00dfen Welt\u00adkriegs. Gerade ging\u2018s um diesen neuen Repa\u00adra\u00adti\u00adons\u00adplan. Immer \u00f6fter marschierten die Nazis durch die Gassen und riefen ihre Parolen. Neulich sogar die Kommu\u00adnisten \u2013 die hatten hier im katho\u00adli\u00adschen Regens\u00adburg bisher noch nie einen Fu\u00df auf die Erde bekommen. Das musste wohl an den vielen Arbeits\u00adlosen liegen. Inzwi\u00adschen kam beinahe jeden Tag einer zu Scheu\u00adbeck in die Werk\u00adstatt und fragte, ob er nicht irgend\u00adeine Arbeit f\u00fcr ihn habe. Fast immer sagte Scheu\u00adbeck Nein.<\/p>\n<p>Und jetzt also noch der B\u00f6rsen\u00adkrach im fernen Amerika. Scheu\u00adbeck wusste, dass das viele Geld der Ameri\u00adkaner das Deut\u00adsche Reich wirt\u00adschaft\u00adlich am Laufen hielt. Wenn die jetzt selber Probleme kriegen, dann gnade uns Gott.<br>\n\u201eHeute kommt doch der Jansen von den Ober\u00adpfalz\u00adwerken, stimmt\u2019s?\u201c<\/p>\n<p>Richards Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.<br>\n\u201eJaja, der m\u00fcsste bald da sein.\u201c<br>\n\u201eK\u00fcmmerst du dich um ihn? Ich muss gleich mit Vater zur Bank wegen der Stun\u00addung.\u201c<br>\n\u201eMach ich.\u201c<br>\n\u201eOskar, h\u00f6r zu. Die Lage ist ernst. Selbst wenn der Herr von der Bank uns heute freund\u00adlichst entge\u00adgen\u00adkommt, haben wir nur noch eine Galgen\u00adfrist. Wir brau\u00adchen was Neues. Etwas, das funk\u00adtio\u00adniert, und zwar am besten \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeit hinweg. Viel\u00adleicht kann der Jansen uns ja so was geben. Sei h\u00f6flich und zuvor\u00adkom\u00admend, ja? Und denk dran: Doktor Jansen. Doktor, vergiss das nicht. Den Preu\u00dfen ist das wichtig.\u201c<\/p>\n<p>Richard warf seinen Mantel um und ging aus der Werk\u00adstatt in den morgend\u00adli\u00adchen Niesel\u00adregen. Oskar Scheu\u00adbeck nahm einen Schluck Bohnen\u00adkaffee aus seinem Becher. Der einzige Luxus, den sie sich zurzeit noch g\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Au\u00dfer seinem Bruder Richard und ihm selbst arbei\u00adteten nur noch zehn Leute in der einst so stolzen Maschi\u00adnen\u00adfa\u00adbrik Rein\u00adhausen, die ihrem Vater geh\u00f6rte. Bis vor Kurzem hatten sie noch Spalt\u00adgat\u00adter\u00ads\u00e4gen herge\u00adstellt, daher r\u00fchrte auch der Name \u201eMaschinen\u00adfabrik\u201c. Aber seit Ende des Krieges wurde das Holz\u00adge\u00adsch\u00e4ft weniger und die neue, deut\u00adlich schnel\u00adlere Band\u00ads\u00e4ge hatte ihrem Modell den Rang abge\u00adlaufen. Im Fr\u00fch\u00adjahr hatten sie dann aufge\u00adgeben und die Produk\u00adtion einge\u00adstellt. Seither machten die Schlosser so ziem\u00adlich alles, womit sich ein biss\u00adchen Geld verdienen lie\u00df: Fahr\u00adrad\u00adteile, Arma\u00adturen, Fens\u00adter\u00adrahmen f\u00fcr Eisen\u00adbahn\u00adwagen. Im Sommer hatten sie alles auf eine Karte gesetzt und ein kleines Flug\u00adzeug gebaut. Jeder T\u00fcftler, der was auf sich hielt, baute gerade Flug\u00adzeuge. Schlie\u00df\u00adlich war Lind\u00adbergh erst vor Kurzem \u00fcber den Atlantik geflogen. Aber der Prototyp der Scheu\u00adbeck-Br\u00fcder war abge\u00adst\u00fcrzt und jetzt waren auch die letzten Erspar\u00adnisse dahin.<\/p>\n<p>Scheu\u00adbeck nahm noch einmal einen Schluck. Diese h\u00f6lli\u00adschen Kopf\u00adschmerzen!<\/p>\n<p>Es klopfte an der T\u00fcr.<br>\n\u201eTreten Sie ein, bitte!\u201c<\/p>\n<p>Ein hoch\u00adge\u00adwach\u00adsener Mann in einem feinen Anzug betrat die Werk\u00adstatt. Ziem\u00adlich jung f\u00fcr einen Direktor.<br>\n\u201eSind Sie Oskar Scheu\u00adbeck? Direktor Jansen von den Ober\u00adpfalz\u00adwerken. Der Herr Inge\u00adnieur Land\u00adauer hat Sie mir empfohlen.\u201c<br>\n\u201eJa, er war gestern da. Kommen Sie n\u00e4her, Herr Jansen. Womit kann ich dienen? Es w\u00e4re mir eine Ehre!\u201c<\/p>\n<p>Teufel, er hatte den \u201eDoktor\u201c vergessen! Richard w\u00fcrde aus der Haut fahren.<\/p>\n<p>Jansen zog ein paar Papiere aus der Tasche und brei\u00adtete sie auf der Werk\u00adbank aus. Scheu\u00adbeck sah auf lauter kompli\u00adzierte Konstruk\u00adti\u00adons\u00adzeich\u00adnungen.<br>\n\u201eEs ist dieses hier.\u201c Jansen deutete auf ein Zahnrad. \u201eIm Grunde ganz einfach. K\u00f6nnen Sie mir dieses Zahnrad bauen, genau nach den Ma\u00dfgaben? Ich br\u00e4uchte es so bald, wie es nur irgendwie geht. Wichtig ist, dass Sie sich exakt an die Vorgaben halten. Ich wieder\u00adhole: exakt!\u201c<br>\n\u201eWof\u00fcr ist denn das Teil?\u201c<br>\n\u201eIch baue damit einen Stufen\u00adschalter f\u00fcr Trans\u00adfor\u00adma\u00adtoren.\u201c<br>\n\u201eNie geh\u00f6rt.\u201c<br>\n\u201eDas m\u00fcssen Sie auch nicht. Haupt\u00adsache, Sie bauen mir dieses Zahnrad. Kann ich mich auf Sie verlassen?\u201c<br>\n\u201eSelbst\u00adver\u00adst\u00e4nd\u00adlich, Herr Doktor!\u201c<br>\n\u201eGut. Melden Sie sich bei mir, wenn Sie es geschafft haben. Guten Tag, mein Herr.\u201c<br>\n\u201eAuf Wieder\u00adschaun, Herr Doktor!\u201c<\/p>\n<p>Weg war er. Komi\u00adscher Bursche. Scheu\u00adbeck sah sich die Zeich\u00adnung in Ruhe an. Diese Kopf\u00adschmerzen!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3537 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE-150x150.jpg\" alt width=\"100\" height=\"100\" srcset=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE-150x150.jpg 150w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/ZAHNRAD-VIGNETTE.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 100px) 100vw, 100px\"><\/p>\n<p><em>Derselbe Tag, zehn Uhr am Morgen<\/em><\/p>\n<p>Franz Xaver Bauer pfiff eine Melodie aus dem \u201eZigeu\u00adner\u00adbaron\u201c. Seit der junge Lehr\u00adling am Wochen\u00adende im Stadt\u00adsaal bei der Strau\u00df-Operette gewesen war, ging sie ihm im Kopf herum. Die Melodie und Ottilie. Was f\u00fcr ein Abend! Nach der Musik hatten sie noch einen langen Nacht\u00adspa\u00adzier\u00adgang zu Otti\u00adlies Haus gemacht. Trotz der K\u00e4lte war ihm ganz warm in der Brust gewesen.<\/p>\n<p>Endlich mal wieder was Sch\u00f6nes! Hier in der Werk\u00adstatt lachte man kaum noch. Seit das Flug\u00adzeug der Scheu\u00adbecks abge\u00adst\u00fcrzt war, liefen die Meister nur noch mit langen Gesich\u00adtern durch die Gegend. Bauer bef\u00fcrch\u00adtete, dass es mit der Maschi\u00adnen\u00adfa\u00adbrik zu Ende ging. Ein Kollege nach dem anderen zog woan\u00adders hin. Einige blieben in der Gegend, andere gingen sogar nach M\u00fcnchen. Dort gebe es noch viel Arbeit f\u00fcr flei\u00ad\u00dfige Schlosser, hie\u00df es. Sollte er ihnen folgen? Aber was w\u00e4re dann mit Ottilie?<\/p>\n<p>Xaver spannte sein Werk\u00adst\u00fcck ein und fing an zu feilen. Schlimm w\u00e4re das, wenn die Maschi\u00adnen\u00adfa\u00adbrik zusperren w\u00fcrde! Seine Mutter hatte sich so gefreut, dass Xaver hier eine gute Lehre gefunden hatte. Metall \u2013 das werde man immer brau\u00adchen! Xavers Vater war damals im Krieg geblieben, irgendwo in Frank\u00adreich lagen seine Knochen. Xaver konnte sich kaum an ihn entsinnen. Im Wohn\u00adzimmer hing ein Foto von ihm. Mutter schm\u00fcckte es immer noch jede Woche mit frischen Blumen. Auf dem Bild war sein Vater so alt wie Xaver heute. Mutter war fast immer weg gewesen, in der W\u00e4scherei. Heute konnte Xaver sie endlich unter\u00adst\u00fctzen mit seinem Lehr\u00adlings\u00adlohn.<br>\n\u201eXaverl, komm mal her.\u201c Der junge Scheu\u00adbeck rief ihn.<br>\n\u201eJawoll, Herr Oskar.\u201c Er ging zu Oskar Scheu\u00adbecks Werk\u00adbank, wo dieser auf ein paar Bl\u00e4tter starrte. Der Chef sah heute noch verbis\u00adsener drein als die letzten Tage.<br>\n\u201eSchau, Xaverl, wir haben einen neuen Auftrag. Der Direktor vom Kraft\u00adwerk will, dass wir ihm dieses Zahnrad bauen, und er hat es eilig. \u00dcberleg dir mal, wie du so etwas bauen w\u00fcrdest.\u201c<br>\n\u201eJawoll, Herr Oskar. Soll ich es alleine tun?\u201c<br>\n\u201eJa, meine Kopf\u00adschmerzen bringen mich noch ins Grab. Ich werde mich oben eine Weile hinlegen. Der Richard kommt gleich von der Bank zur\u00fcck. Den kannst du fragen, wenn du nicht weiter\u00adkommst.\u201c<br>\n\u201eIn Ordnung, Herr Oskar.\u201c<br>\n\u201eNoch was, Xaverl. Gib dir M\u00fche. Es kann sein, dass der Direktor uns danach noch weitere Auftr\u00e4ge gibt. Du wei\u00dft, wie drin\u00adgend wir das brau\u00adchen. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlst du mir, was du dir \u00fcber\u00adlegt hast, ja?\u201c<br>\n\u201eJawoll.\u201c<\/p>\n<p>Der junge Scheu\u00adbeck klopfte ihm auf die Schulter und ging dann Rich\u00adtung Treppe. Xaver Bauer schaute auf die Zeich\u00adnung. Ganz sch\u00f6n kompli\u00adziert. Er konnte kaum die hand\u00adge\u00adschrie\u00adbenen Ma\u00dfe entzif\u00adfern. Zwanzig Minuten stand er da. Dann beschloss er, einfach zu beginnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3557\" aria-describedby=\"caption-attachment-3557\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3557 size-full\" src=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/Junge-Illu-02.jpg\" alt width=\"1024\" height=\"832\" srcset=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/Junge-Illu-02.jpg 1024w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/Junge-Illu-02-300x244.jpg 300w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/Junge-Illu-02-768x624.jpg 768w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/Junge-Illu-02-540x439.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"><figcaption id=\"caption-attachment-3557\" class=\"wp-caption-text\">Nur noch ein paar Fein\u00adheiten, dann hat der Lehr\u00adling Franz Xaver Bauer das Zahnrad fertig\u00adge\u00adstellt. An nur einem Tag! Mal sehen, was die Meister dazu sagen \u2026 <br>\u00a9&nbsp;Gernot Walter<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>18 Uhr am Abend<\/em><\/p>\n<p>Bern\u00adhard Jansen klopfte an die Werk\u00adstattt\u00fcr. Land\u00adauer hatte ihm gesagt, die Scheu\u00adbecks h\u00e4tten das Zahnrad schon fertig. Konnte das stimmen?<br>\n\u201eHerein, bitte!\u201c Jansen trat ein.<br>\n\u201eGuten Tag, meine Herren!\u201c<\/p>\n<p>Jansen sah Oskar Scheu\u00adbeck an der Werk\u00adbank stehen, neben ihm ein junger Bursche mit M\u00fctze auf dem Kopf. Auf der Bank lag ein Zahnrad. Sein Zahnrad. Jansen ging sofort darauf zu und nahm es in die Hand.<br>\n\u201ePotz Blitz! Das sieht wirk\u00adlich gut aus!\u201c<\/p>\n<p>Jansen wog das Teil in seinen H\u00e4nden und begut\u00adach\u00adtete es von allen Seiten. Er zog Zoll\u00adstock und Schieb\u00adlehre aus seiner Tasche und ma\u00df alle wich\u00adtigen L\u00e4ngen nach. Es stimmte genau.<br>\n\u201eUnd das haben Sie an nur einem Tag hinbe\u00adkommen, Herr Scheu\u00adbeck? Donner\u00adwetter!\u201c<br>\n\u201eJa, Herr Doktor. Das hei\u00dft nein. Ich war\u2019s nicht, sondern mein Lehr\u00adlings\u00adbur\u00adsche hier, der Xaverl. Eigent\u00adlich wollte ich nur, dass er sich die Sache mal \u00fcber\u00adlegt, aber dann hat er\u2019s gleich gebaut und mir soeben gezeigt.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_3543\" aria-describedby=\"caption-attachment-3543\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3543\" src=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-03.jpg\" alt width=\"1024\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-03.jpg 1024w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-03-300x300.jpg 300w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-03-150x150.jpg 150w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-03-768x768.jpg 768w, https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/25\/2018\/11\/JUNGE-ILLU-03-540x540.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\"><figcaption id=\"caption-attachment-3543\" class=\"wp-caption-text\">Bern\u00adhard Jansen ist gl\u00fcck\u00adlich. Das Zahnrad ist perfekt! \u201eMit der Maschinen\u00adfabrik Rein\u00adhausen l\u00e4sst es sich arbeiten!\u201c, denkt er und gibt Oskar Scheu\u00adbeck den Auftrag f\u00fcr weitere Arbeiten. \u00a9&nbsp;Gernot Walter<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eWie bitte? Sie haben an einem Tag gebaut, was sechs Schlos\u00adse\u00adreien in Regens\u00adburg in Wochen nicht hinbe\u00adkommen haben! Wie haben Sie das denn geschafft?\u201c<\/p>\n<p>Der Bursche wurde rot im Gesicht.<br>\n\u201eIch kann\u2019s gar nicht sagen, Herr Doktor. Ich hab einfach ange\u00adfangen und dann \u2026 Ich kann\u2019s gar nicht sagen.\u201c<\/p>\n<p>Jansen musste lachen.<br>\n\u201eSie sind mir so ein Teufels\u00adkerl, Xaver!\u201c<\/p>\n<p>Scheu\u00adbeck sah seinen Burschen grin\u00adsend an. Der Stolz des Meis\u00adters auf seinen f\u00e4higen Lehr\u00adling. Zurecht. Die Leis\u00adtung war wirk\u00adlich unge\u00adw\u00f6hn\u00adlich.<br>\nJansen streckte Xaver die Hand hin. Der ergriff sie und err\u00f6\u00adtete wieder.<br>\n\u201eGut gemacht, Junge!\u201c<\/p>\n<p>Dann reichte Jansen auch Scheu\u00adbeck die Hand.<br>\n\u201eWissen Sie was, Herr Scheu\u00adbeck? Wenn bei Ihnen schon die Lehr\u00adlinge gescheiter sind als die Meister anderswo, dann habe ich wohl meine Schlos\u00adserei gefunden. Ich m\u00f6chte, dass Sie f\u00fcr mich weitere Teile bauen. Sind Sie einver\u00adstanden?\u201c<br>\n\u201eMit dem gr\u00f6\u00dften Vergn\u00fcgen, Herr Doktor!\u201c<br>\n\u201eHier habe ich noch mehr Zeich\u00adnungen.\u201c Jansen holte ein paar Bl\u00e4tter aus seiner Tasche und legte sie auf die Werk\u00adbank. Scheu\u00adbeck stand links von ihm, der Lehr\u00adling rechts.<\/p>\n<p>Jansen begann zu erkl\u00e4ren.<br>\n\u201eAlso, das ist der Stufen\u00adschalter.\u201c<\/p>\n<p><em style=\"color: #666; font-size: 0.9em;\">\u2014 ENDE \u2013<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die Maschi\u00adnen\u00adfa\u00adbrik Rein\u00adhausen zum Stufen\u00adschalter&nbsp;kam. <span>Frei erz\u00e4hlt nach einer wahren Bege\u00adben\u00adheit.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":9239,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-3472","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-12-2018"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3472","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3472"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3472\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9241,"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3472\/revisions\/9241"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9239"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3472"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3472"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onload.reinhausen.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3472"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}