Dr. Manuel Sojer, Executive Director für das Kerngeschäft und ab 1. August 2026 Mitglied der Geschäftsführung, und Jürgen Ach, Executive Director Automation & Digital Solutions, sind zwei der Architekten von Produkten und Dienstleistungen, mit denen Reinhausen-Kunden die Herausforderungen der Energiewende meistern können. Im Interview erklären sie, wie sie mit den Kunden die Roadmap Richtung Zukunft gestalten.
Die Energietechnik befindet sich in aufregenden Zeiten und wir stehen 100 Jahre nach der Erfindung des Widerstandsschnellschalters an einem systemischen Wendepunkt. Wie würden Sie die aktuellen Herausforderungen zusammenfassen?
Dr. Manuel Sojer: In der Branche war es in den letzten 100 Jahren nicht so spannend wie heute. Wir sind in einer ähnlichen Situation wie 1926. Die Netze müssen für mehr Stabilität ausgebaut werden. Damit der Weg in die All Electric Society gelingt, bedarf es innovativer Lösungen, der klugen Nutzung von Daten und der engen Zusammenarbeit im Ökosystem, sowohl bei Technologie als auch in der Prozesslogistik.
Jürgen Ach: Parallel dazu altert die bestehende elektrische Infrastruktur. Neben dem notwendigen Netzausbau befindet sich die Branche erstmals in einem umfassenden Erneuerungszyklus ihrer technischen Infrastruktur. Die Bestandsanlagen müssen, wo nötig, schrittweise ersetzt oder intelligent erhalten und möglichst lange weitergenutzt werden. Gleichzeitig steht die Branche vor einem tiefgreifenden Generationswechsel.
Wie wollen Sie Ihre Kunden angesichts dieser Dynamik unterstützen?
Dr. Sojer: Es geht im Wesentlichen um zwei Punkte. Zum einen um die Erfüllung von Grid Codes, also Netzanschlussbedingungen. Egal ob Sie Stromerzeuger wie PV-Parks oder Windräder oder große Lasten wie Rechenzentren oder Elektrolyseure ans Netz anschließen wollen, Sie müssen immer die Netzanschlussbedingungen erfüllen. Und die werden zunehmend komplexer, weil auch die Netze immer komplexer werden. Wir unterstützen unsere Kunden beispielsweise mit Blindleistungskompensation, Spannungsstabilisierung und Filter dabei, diese Anforderungen zu erfüllen.
Ach: Der zweite Punkt betrifft den Betrieb der Betriebsmittel unserer Kunden. Die gilt es über den gesamten Lebenszyklus effizient und sicher zu bewirtschaften. Vor dem Hintergrund stark wachsender, gleichzeitig alternder Infrastruktur und abnehmender Erfahrungsbasis müssen Entscheidungen im Betrieb deshalb zunehmend systematisiert und auf eine belastbare Grundlage gestellt werden. Genau hier setzen wir an: Wir schaffen Transparenz über den Zustand der Betriebsmittel und stellen die relevanten Informationen für Weiterbetrieb, Instandhaltung oder Ersatz strukturiert zur Verfügung.
„Die Branche befindet sich erstmals in einem umfassenden Erneuerungszyklus ihrer technischen Infrastruktur.“
Jürgen Ach

Bleiben wir zunächst bei der Primärtechnik. Sind da in Zukunft noch echte Innovationen zu erwarten?
Dr. Sojer: Absolut. Transformatoren und Laststufenschalter werden auch in Zukunft eine zentrale Rolle in der Energieversorgung spielen. Sie sind die beste verfügbare Technologie, um Probleme mit der statischen Spannungshaltung zu lösen. Durch den Umbau der Energiesysteme nehmen Probleme kontinuierlich zu und gleichzeitig entstehen dadurch Chancen für Innovation.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Mit der Energiewende und der dezentralen Einspeisung traten in Verteilungsnetzen neue Spannungsprobleme auf. Die lösen wir heute mit unserem Laststufenschalter für Ortsnetztransformatoren, dem ECOTAP® VPD®. Und natürlich kommt hier auch der neue VACUTAP® VI ins Spiel, mit dem sich nachhaltigere Transformatoren mit kleinerem Footprint realisieren lassen. Zudem ist der VACUTAP® VI für die Hersteller von Transformatoren leichter zu verbauen. Wir machen Transformatoren damit smarter ansteuerbar und ermöglichen breitere Anwendungsfelder wie zum Beispiel für Rechenzentren, Windparks oder Elektrolyseure.
Indem wir unsere Laststufenschalter und deren Anwendungsfelder immer ein Stück weiterdenken, helfen wir, die Energiewende effizient umzusetzen. Wenn es um Netzanschlussbedingungen in modernen Netzen geht, kommen auch unsere Power-Quality-Lösungen ins Spiel. Ohne leistungselektronische Lösungen lassen sich vielerorts die Anforderungen an Blindleistung oder Oberschwingungen nicht beherrschen. Als Drittes entstehen Innovationen aus der Kombination von Laststufenschaltern und leistungselektronischen Systemen. Hier ist der Fortschritt das Zusammenspiel einzelner Komponenten in einem System, mit dem sich beispielsweise der Ertrag eines PV-Parks deutlich steigern lässt.
Das bedeutet, dass Sie es mit immer mehr Akteuren auf dem Energiemarkt zu tun haben. Wie ist Reinhausen darauf vorbereitet?
Dr. Sojer: Innovation kann nur im Dialog mit den Kunden entstehen. Viele unserer Neuheiten sind im engen Austausch mit Netzbetreibern und Transformatorenherstellern entstanden. Heute ist der Dialog wichtiger denn je, weil die Komplexität der Energiewelt deutlich gestiegen ist. Von Betriebsmittelherstellern und Netzbetreibern über die Projektierer und Betreiber von Erzeugern und Verbrauchern bis hin zu Investoren müssen wir mit allen Beteiligten im Dialog bleiben. Denn mit unserer Technik lassen sich auch Rechenzentren ausfallsicher betreiben und Elektrolyseure oder Windparks effizienter und damit rentabler gestalten.

„Laststufenschalter spielen auch in Zukunft eine zentrale Rolle in der Energieversorgung.“
Dr. Manuel Sojer
Herr Ach, wie sieht es im Bereich Asset Management aus? Wo drückt Ihre Kunden der Schuh dort am meisten?
Ach: Der größte Druck im Asset Management entsteht aktuell aus der Frage, wie Betreiber mit wachsender Unsicherheit umgehen. Viele unserer Kunden stehen vor konkreten Fragestellungen: Welche Betriebsmittel sind kritisch? Wo entstehen Risiken? Welche Anlagen kann ich weiter betreiben und wo muss ich investieren? Gerade bei alternden Flotten und begrenzten Ressourcen wird die Priorisierung zur zentralen Herausforderung. Der eigentliche Schmerzpunkt ist dabei weniger das einzelne Asset, sondern der fehlende Überblick über die Flotte und deren Zustand. Genau hier fehlt oft eine belastbare, transparente Entscheidungsgrundlage.
Wie unterstützen Sie Ihre Kunden dabei, die notwendige Transparenz über den Zustand ihrer Anlagen zu erhalten?
Ach: Der erste Schritt ist die Einbindung des Transformators in eine digitale Systemumgebung. Mit unserer Kombination aus mechanischem Zubehör, intelligenter Sensorik, Feldgeräten und Sekundärtechnik integrieren wir die Betriebsmittel in ein vernetztes System. ETOS®, unser Embedded Transformer Operating System, fungiert dabei als zentrales System direkt am Transformator. Es erfasst Zustands‑, Betriebs- und Umgebungsinformationen, führt diese zusammen und macht sie lokal verfügbar und auswertbar. Dadurch wird ein komplexes Betriebsmittel systematisch zugänglich: Daten werden nicht nur erfasst, sondern in einen betriebsrelevanten Kontext überführt – als Grundlage für fundierte Entscheidungen im Betrieb.
Und wenn ich diese Transparenz habe — wie kann ich daraus bessere Entscheidungen im Asset Management ableiten?
Ach: Darauf aufbauend bewerten wir gemeinsam mit unseren Kunden die bestehende Flotte. Im Rahmen eines strukturierten Assessments analysieren wir den aktuellen Zustand, Risiken und Handlungsfelder. Auf dieser Grundlage unterstützen wir unsere Kunden dabei, ihr Asset Management systematisch weiterzuentwickeln, von der Priorisierung konkreter Maßnahmen über Fragen des Weiterbetriebs oder Ersatzes bis hin zur mittel- und langfristigen Budget- und Investitionsplänen. Je nach Bedarf geschieht dies in Form persönlicher Beratung, gezielter Projektunterstützung oder im schrittweisen Aufbau eines End-to-End-Prozesses, beispielsweise auf Basis unserer Asset-Performance- Management-Lösung TESSA®.
Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Unterschied im Ansatz, wenn man Asset Management heute wirklich wirksam umsetzen will?
Ach: Viele Asset-Performance-Management-Ansätze werden heute aus einer Software- oder IT-Perspektive heraus entwickelt. Unser Zugang ist ein anderer: Wir kommen aus der fachlichen und betrieblichen Praxis von Transformatoren und Umspannwerken. Das ermöglicht es uns, Asset Management vertikal zu denken – von mechanischem Zubehör und Sensorik über Feldgeräte und Algorithmen bis hin zu Steuerungs- und Automatisierungsfunktionen sowie zur Unterstützung im Asset-Management-Prozess. Gleichzeitig ist dieser Ansatz bewusst modular und offen ausgebaut. Systeme lassen sich ohne proprietäre Grenzen integrieren und schrittweise erweitern. Entscheidend ist dabei fundiertes Domänenwissen: Es ist die Grundlage dafür, dass digitale Lösungen im Betrieb tatsächlich nutzbar und wirksam werden.
Wie wird dieser Ansatz in der Praxis für Ihre Kunden greifbar?
Ach: Auf Wunsch statten wir jeden Stufenschalter serienmäßig mit ETOS® aus. So werden Transformatoren zu kommunikationsfähigen, auswertbaren Betriebsmitteln moderner Energieinfrastrukturen. ETOS® fungiert dabei als intelligentes Edge-System, das Daten bündelt, vorverarbeitet und für Asset-Management- und Leitsysteme nutzbar macht. Durch dessen standardisierte Schnittstellen und eine modulare Architektur können Kunden schrittweise einsteigen und ihre Systeme entlang ihrer Anforderungen weiterentwickeln. Auf dieser Basis lassen sich die gewonnenen Informationen in übergeordnete Asset-Management-Prozesse integrieren – von der Bewertung einzelner Betriebsmittel bis hin zur systematischen Steuerung ganzer Flotten. Neben der Technologie unterstützen wir unsere Kunden dabei auch mit Analyse, Projektumsetzung und dem Aufbau entsprechender Prozesse. So entsteht ein durchgängiger Ansatz – vom intelligenten Betriebsmittel bis hin zur fundierten Entscheidungsunterstützung im Asset Management.
Wo liegt hier das künftige Innovationspotenzial?
Dr. Sojer: Die meisten Marktteilnehmer verfügen über einen enormen Datenschatz. Leistungstransformatoren etwa laufen schon seit vielen Jahrzehnten. In dieser Zeit haben die Betreiber Unmengen an Daten auf Papier oder in Excel-Tabellen angesammelt. Wir müssen Wege finden, möglichst ab morgen diese Informationen in verwertbare Entscheidungen zu verwandeln und für Anwendungen und bessere Prozesse aufzubereiten. Daten und smarte Algorithmen sind der Schlüssel dazu.
Ach: Im Bereich der Sensorik sehen wir eine hohe technologische Reife. Es kommen kontinuierlich neue Sensoren und Detailverbesserungen hinzu, die wichtige Beiträge leisten. Das zentrale Innovationspotenzial liegt heute jedoch weniger in einzelnen Sensorkomponenten als in der intelligenten Funktions- und Datenintegration in der Fläche. Entscheidend sind dabei belastbare Algorithmen auf Basis solider, konsistenter Daten sowie der Aufbau vereinfachter, teilautomatisierter Prozesse.
Ziel ist es immer, die steigende Systemkomplexität für unsere Kunden beherrschbar zu machen – nicht weiter zu erhöhen. Dafür braucht es ein verteiltes System aus modularen Einheiten im Feld. Diese liefern gemeinsam ein konsistentes Gesamtbild und gleichzeitig konkrete, zustandsbezogene Informationen zu jedem einzelnen Transformator. Voraussetzung sind standardisierte, einfach nutzbare Schnittstellen, die in der Leitstelle ebenso funktionieren wie für Service-Mitarbeiter im Feld. So wird Wissen organisationsweit verfügbar – und genau daraus entsteht nachhaltige Innovation.
„Wir wollen mit unseren Produkten und Lösungen Wegbereiter einer nachhaltigen Energieversorgung sein.“
Jürgen Ach und Dr. Manuel Sojer

Wo sehen Sie Reinhausen in zehn Jahren?
Dr. Sojer: Wir werden uns dann auf den letzten Etappen des Weges zur Klimaneutralität befinden. Genau diese Phase ist erfahrungsgemäß die anspruchsvollste, weil sich technische, regulatorische und operative Anforderungen zunehmend überlagern. In diesem Umfeld sehen wir Reinhausen klar in einer doppelten Rolle. Wir sehen uns als Hersteller innovativer, hochzuverlässiger Aktoren – weiterhin Stufenschalter, aber auch weitere Schlüsselkomponenten, die ganz konkret dazu beitragen, die physikalischen Herausforderungen dieser Phase zu beherrschen.
Ach: Zum anderen sehen wir uns als integrierter Partner, der seine Kunden über Produkte hinaus in ihren Prozessen unterstützt – mit Systemen, datenbasierten Funktionen und gezielten Dienstleistungen, die helfen, Komplexität zu reduzieren und Entscheidungen sicher zu treffen. Je stärker das Energiesystem vernetzt, digital und datengetrieben wird, desto weniger kommt es auf einzelne Produkte an – und desto wichtiger wird das Zusammenspiel von Technik, Daten und Prozessen. In diesem Zusammenspiel sehen wir Reinhausen auch in zehn Jahren positioniert.
Und wenn man in 100 Jahren zurückblickt, welchen Beitrag soll Reinhausen für die Elektrifizierung der Welt geleistet haben?
Dr. Sojer: Vor 100 Jahren haben es Dr. Jansen und die Gebrüder Scheubeck ermöglicht, dass Stromnetze überhaupt erst so gebaut werden konnten, wie wir sie heute kennen. Wir wollen dieses Vermächtnis in die All Electric Society weitertragen, indem wir mit unseren Produkten und Lösungen Wegbereiter einer nachhaltigen Energieversorgung sind, die gleichzeitig von einer hohen Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit gekennzeichnet ist.

Dr. Manuel Sojer hat in Deutschland und den USA studiert und anschließend an der Technischen Universität München an der Schnittstelle zwischen Informatik und Wirtschaft promoviert. Danach war er für eine amerikanische Strategieberatung tätig. 2011 wechselte er zu Reinhausen, wo er unterschiedliche vertriebliche und technische Funktionen übernahm. Heute leitet er das Kerngeschäft von Reinhausen und ist ab August 2026 Mitglied der Geschäftsführung.

Jürgen Ach arbeitet seit über 30 Jahren bei Reinhausen. Der staatlich geprüfte Elektrotechniker und Diplom-Ingenieur mit den Schwerpunkten Mechatronik, Robotik und Automation Engineering startete 1995 seine Laufbahn in Regensburg. Seitdem war er in verschiedenen Positionen tätig und hat die Digitalisierungslösungen von Reinhausen entscheidend vorangetrieben. Heute leitet er als Director of Automation den Bereich Automatisierungstechnik.


